Volker Stanzel: Newspeak and Newthink: China’s “Rejuvenation” of Its Memory. Singapore u.a.: World Scientific 2026. ISBN: 9789819821655. 251 Seiten, 49,32 Euro.
Die Geschichtswahrnehmung ist so alt wie die Geschichtsschreibung und erinnert oft an die Verhöre in dem japanischen Film „Rashomon“, in denen jeder Beteiligte seine subjektive Darstellung zum gleichen Tatbestand vorträgt. Volker Stanzel, Botschafter in China (2004–2007) und Japan (2009–2013), hat mit diesem Produkt jahrelanger Recherche die geschichtliche Wahrnehmung des chinesischen Volkes im Sinne eines Regimes analysiert, das seit der Staatsgründung 1949 mehr oder weniger mit Japan und anderen ostasiatischen Staaten über Kreuz liegt.
Da Geschichte Herrschaft und Ansprüche legitimiert, bemüht sich die Führung der Volksrepublik China um ein ihr genehmes Geschichtsbild vor, das durch Schulen und Massenmedien vermittelt werden soll. Ferner gehören dazu TV-Dokumentationen, wie etwa „Der Aufstieg von Großmächten“, diverse Filme, eine Oper über John Rabe, Monumente und Museen, wie das Chinesische Nationalmuseum, das Nanjinger Museum zu kaiserlichen Staatsprüfungen, die Gedenkhalle für die Opfer des Nanjing-Massakers durch die japanischen Invasoren, das Museum zum Krieg des chinesischen Widerstandes gegen die japanische Aggression, das Gebäude des Ersten Nationalkongresses der Kommunistischen Partei Chinas oder die Gedenkhalle zur Abwehr der US-Aggression und Unterstützung Koreas.
Die Führung der Kommunistischen China beherrscht dabei die Instrumentarien des Orwellschen „Neusprech“ und „Neudenk“, indem es die Etablierung des grausamen Mao-Staates als „Befreiung“ und die Einparteiendiktatur als „Demokratie“ verkauft. Solche süßen Bonbons können zum Brechmittel werden, wenn man an den 4. Juni 1989 denkt, als Panzer die chinesische Demokratiebewegung niederwalzten. Um keine Zweifel über das Ergebnisse aufkommen zu lassen, konstatiert Stanzel kurz und knapp: „China ist ein totalitärer Staat“.
An einem Beispiel macht er deutlich, was dies bei einem Museumsbesuch am „Ort des Ersten Nationalkongresses der Kommunistischen Partei Chinas“ bedeutet: „Angesichts dessen, was von einem loyalen chinesischen Bürger erwartet wird, der weiß, was er sagen und – noch besser – was er denken soll, lohnt es sich, noch einmal auf die Abschiedsbotschaft hinzuweisen, die Besucher begleitet, wenn sie den ‚Ort des Ersten Nationalkongresses der Kommunistischen Partei Chinas‘ in Shanghai verlassen: ‚Wir werden uns unter der Führung des Zentralkomitees der KPCh mit Genosse Xi Jinping an der Spitze vereinen und der Führung der Xi-Jinping-Ideologie zum Sozialismus mit chinesischen Merkmalen in der neuen Ära folgen. Gemeinsam werden wir hart daran arbeiten, den chinesischen Traum von der Wiederbelebung der chinesischen Nation zu verwirklichen und dem chinesischen Volk ein noch besseres Leben zu ermöglichen.‘ Diese Einheit soll wohl absolut sein.“
Es ist zu hoffen, dass Volker Stanzels wichtiges Werk von der englischen Sprache auch in andere Sprachen, wie ins Deutsche, insbesondere aber in die Sprachen der Nachbarländer, d.h. ins Koreanische und ins Japanische, übersetzt wird, um die Leser über das Wesen und Funktionieren des chinesischen Hegemonialstaates zu unterrichten.
Besprochen von Thomas Weyrauch